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Rechtschreibdienst: Zitate zur Reform   Die 1995er Reform der deutschen Rechtschreibung in Zitaten
(Sig­rid Saxen für den 27. September 2025, Quellen: in rechtschreibung.com "Gedenktage" und "Sprüche", Wochenzeitung "Stimme und Gegenstimme")
1902 führte das Zweite Deutsche Reich die Einheitsrechtschreibung ein. (Im großen und ganzen sind dies die Regeln, die mindestens bis 1995 in der Schule unterrichtet wurden.)
Bis 1944 arbeitete das Erziehungsministerium an Reformen der Rechtschreibung.
Mai 1949 Grundgesetz, Artikel 20: Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus.
Anfang der 1970er Jahre Edith Hallwass, Germanistin, Anglistin und Psychologin, in ihrem Buch "Mehr Erfolg mit gutem Deutsch": "Unsere Rechtschreibung steht im Greisenalter. Jeden Angestellten hätte man mit 70 längst in den Ruhestand ge­schickt."
1973 bildete sich ein privater Kreis, der der Regierung eine Reform der Schreib­regeln nahelegte.
1993: Die Kultusministerkonferenz (KMK) traf die Auswahl unter den Reformvor­schlägen der "Zwischenstaatlichen Kommission", die aus diesem privaten Kreis ge­bildet worden war - auffallende Ähnlichkeit mit einem Entwurf des NS-Erziehungsmini­steriums.
> 30. November 1995: Beschluß der KMK, die neuen Regeln zum 1. August 1998 ein­zuführen (Daraufhin überschlugen sich die Wörterbuchverlage darin, eine Neuausgabe zu veröffentlichen - Fehldrucke, weil noch weiter an den Regeln gefeilt wurde.)
Mehrere Sprachwissenschaftler wiesen nach, daß die Reform die Schreibregeln weder vereinfachte noch zu Erleichterungen beim Schreibenlernen führen würde.
Zur gleichen Zeit verbreiteten Politiker und Kultusminister: "fünfzig- bis neun­zigprozentige Fehlerverminderung zu erwarten", die s.-h. Ministerpräsidentin Heide Simonis: "Für die Kinder wird es einfacher."

+ Winston Churchill, 1874 bis 1965: "Staaten haben keine Moral, sondern Interessen."+

1996 Peter Gallmann und Horst Sitta, Schweizer Mitglieder der Reformkommission, zum Erscheinen des ersten Reform-Dudens: „Wir halten es für ein Unglück, dass nun in allen Rechtschreibwörterbüchern das amtliche Regelwerk abgedruckt wird. (...) Wir waren im Internationalen Arbeitskreis nie der Meinung, wir formulierten Re­geln für den Alltagsschreiber. (...) Das Regelwerk ist weder für den Laienleser geschrie­ben noch für ihn lesbar.“
1. Juli 1996: in Wien Absichtserklärung der Regierungen zur Durchführung der Reform, s.-h. Ministerin Gerhild Böhrs: "Das Bildungsministerium ist an die Wiener Absichts­erklärung gebun­den." Die neuen Regeln wurden daraufhin in mehreren Bundeslän­dern, auch in SH, an den Schulen eingeführt.
22. April 1997 Bundeskanzler Helmut Kohl in Die Welt: „Die reaktionärste Einrichtung der Bundesrepublik ist die Kultusministerkonferenz. Im Vergleich dazu ist der Vatikan noch weltoffen.“
4. Juni 1997 Hans-Ulrich Klose, Bundestagsvizepräsident: „Jeder, der mit Sprache umgeht, ist todunglücklich über diese Neuregelung.“
Valentin Fabrega, spanischer Wissenschaftler, in Bildung aktuell 6/97 in einem Leserbrief: „Vorschläge zu einer begrenzten Rechtschreibreform zur Erleichterung des Schüler-Lebens tauchen auch in spanisch sprechenden Ländern gelegentlich auf (...), wurden aber sehr entschieden zurückgewiesen in dem Bewußtsein, daß die zu erhaltende Einheit einer Weltsprache ein äußerst behutsames Vorgehen gebietet, wo verordnete Innovationen anstehen, die zudem mit dem Anspruch allgemeiner Verbindlich­keit verbunden sind. (...) Und schließlich würde kein Madrider Erziehungsminister we­gen der Änderung des Schriftbildes einer überschaubaren Liste einzelner Wörter (...) den gesamten Schulbuchbestand drastisch zu erneuern versuchen.“
Wegen der breiten Ablehnung der begonnenen Reform wurde der Ruf nach Volksbegeh­ren laut. Juli 97 Heide Simonis, Ministerpräsidentin von Schleswig-Holstein, SPD, in Focus: „Dann könnten wir das per Volksentscheid zustande gekommene Gesetz durch ein neu­es korrigieren.“

+ Benjamin Franklin, einer der VSA-Gründer (18. Jahrhundert): "Nur die Lüge braucht die Stütze der Staatsgewalt; die Wahrheit steht von allein aufrecht." +

24. Juli 1997: KMK beschloß die frühere Einführung der Reform im gesamten deut­schen Sprachgebiet. FAZ und WELT: dummdreist, Dreistigkeit
13. August 1997 Oberverwaltungsgericht Schleswig: „Die Rechtschreibreform zielt nämlich nicht nur auf eine Änderung der Schreibweise im Unterricht und in der Amtssprache. Reformiert wird zum 01.08.1998 die Schreibweise der deutschen Spra­che im deutschen Sprachraum überhaupt.“
5. September 1997 Franz Müntefering, Bundesgeschäftsführer der SPD, in einem Brief an die Parteibasis: „Sollte ein Land ausscheren, wäre die Reform geschei­tert. Ein Rückfall in die ‚orthographische Vielstaaterei‘, wie sie vor der Einfüh­rung der für alle verbindlichen Regeln 1901 herrschte, wäre die Folge. Das kann nie­mand wollen.“ (Betroffen sind 23 Länder mit Deutsch als Amtssprache, 16 davon in der BRD.)
10. Oktober 1997 Erika Steinbach, Kulturbeauftragte der CDU/CSU-Fraktion des Bun­destages, in einer Pressemeldung: „Die renommierten Sprachwissenschaftler in Deutschland, Österreich und der Schweiz lehnen die vorliegende Rechtschreibreform in seltener Eindeutigkeit ab und fordern die sofortige Rücknahme, zumindest das Aussetzen der Reformen. Leider scheitert ihre Forderung an der starren Haltung der Kultusminister. Diese lassen in aller Stille an einer Reform der Reform arbeiten, um sie gegen den erklärten Sachverstand doch noch durchzusetzen. Lehrerinnen und Lehrer sind gehalten, nach einem falschen Regelwerk zu lehren, Schülerinnen und Schüler müs­sen falsche Schreibweisen erlernen. (...) Dies ist keine lebendige Kultursprache mehr, sondern entspricht ministerialbürokratischer Denkweise. Nach dieser ist Sprache beliebig änderbar, sobald sich Schreibschwierigkeiten in der Schule einstellen.“
11. Oktober 1997 Vicco von Bülow alias Loriot anläßlich einer Dichterlesung in Weilheim: „Die Rechtschreibreform ist vollkommen in Ordnung ... wenn man weder lesen noch schreiben kann.“
27. Oktober 1997 Liesel Hartenstein, Mitglied des Deutschen Bundestages (SPD): „Es ist geradezu unbegreiflich, mit welcher Hartnäckigkeit die Kultusminister der Länder und ebenso die Ministerpräsidenten, mit Ausnahme des Ministerpräsidenten von Niedersachsen, Gerhard Schröder, an der Rechtschreibreform festhalten.“
Anfang 1998 Karl Blüml, Vertreter Österreichs in der Zwischenstaatlichen Kommissi­on,: „Das Ziel der Reform waren gar nicht die Neuerungen. Das Ziel war, die Recht­schreibregelung aus der Kompetenz eines deutschen Privatverlages in die staatliche Kompetenz zurückzuholen.“
2. März 1998 Verwaltungsgericht Hannover (6 A 4317/97, S. 13): „Die Sprache ist vor­staatlich und für die Identität des Menschen von konstitutiver Bedeutung. (...) Der Mensch findet sich vor als ein sprechendes Wesen; keine Erinnerung reicht zurück in eine Zeit, da er keine Sprache gehabt hätte (...). Sprache bestand, ehe sich eine staatliche Ordnung überhaupt etabliert hatte. Der Staat findet sie als Ergebnis einer Entwicklung vor, die sich im Laufe der Menschheitsgeschichte vollzogen hat. Er hat die Sprache nicht geschaffen, und sein Wille ist nicht ihr Geltungsgrund. ‚Sprache’ im hier gebrauchten Begriff schließt die Schreibung ein; denn sie ist Teil und Aus­druck der Sprache.“
26. März 1998 Hans J. Meyer, sächsischer Kultusminister und stellvertr. KMK-Vor­sitzender, im Bundestag: „Nicht um die Neuregelung der Rechtschreibung geht es in Wahrheit. Es geht um die Frage, ob diese Gesellschaft veränderungsfähig und ver­änderungswillig ist. Wenn es schon bei einem Reförmchen wie diesem zu solchen Re­aktionen kommt, was soll dann erst geschehen, wenn es wirklich ernst wird mit Veränderungen in Deutschland?“
26. März 1998 der deutsche Bundestag (noch unter der Kohl-Regierung): „Die Spra­che gehört dem Volk.“
1998 Volksbegehren in SH, MV, HB, NS, B und BY, in den letzten fünf genannten wurden sie jedoch von der Gegenseite sabotiert, so daß die erforderliche Stimmen­zahl nicht erreicht wurde. Weil das Volksbegehren in SH Erfolg hatte, warteten nun alle auf das Ergebnis der Abstimmung hier in SH an einem Wahlsonntag.
12. Juli 1998 Thomas Oppermann, Tübinger Staatsrechtler, in Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung: „Bejaht das Bundesverfassungsgericht die Zuständigkeit der Länder, hat die Entscheidung der Bürger in Schleswig-Holstein Gesetzeswirkung. Ein solches Gesetz hätte in jedem Fall Vorrang vor den Erlassen der KMK.“
13. Juli 1998 Rupert Scholz, Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, in ei­ner Pressemitteilung: „Es sind letztendlich die Bürger von Schleswig-Holstein, die in einer Volksabstimmung über die Einführung der Reform entscheiden. Votieren sie dagegen, ist die Reform tot.“
14. Juli 1998 Bundesverfassungsgericht (BVerfG 1 BvR 1640/97, S. 59): „Soweit die­ser Regelung rechtliche Verbindlichkeit zukommt, ist diese auf den Bereich der Schulen beschränkt. Personen außerhalb dieses Bereichs sind rechtlich nicht ge­halten, die neuen Rechtschreibregeln zu beachten und die reformierte Schreibung zu verwenden. Sie sind vielmehr frei, wie bisher zu schreiben.“ Ebenfalls festgelegt: Die Einheitlichkeit der Rechtschreibung im deutschen Sprachraum ist unnötig. (Wi­derspruch zum Einheitlichkeitswunsch der Politiker, aber auch grünes Licht für Länder-Volksentscheide)
1998 s.-h. Ministerpräsidentin Heide Simonis: sie werde die Volksabstimmung bei nächster Gelegenheit annullieren lassen, wenn nötig, sogar wiederholt, bis "die Schleswig-Holsteiner der Lächerlichkeit preisgegeben" wären.
1998 Anzeigenkampagne der s.-h. Regierung, massiv unterstützt vom Verband der Schulbuch­verleger: "Der beste Grund für die Rechtschreibreform ist sechs und heißt Jan."

+ Christine Anderson, EU-Abgeordnete der AfD: "Nehmen Sie nie etwas, was Ihnen eine Regierung erzählt, für bare Münze!" +

27. Juli 1998 im General-Anzeiger Hans Schafgans in einem Leserbrief: „Es wäre ein wunderschöner Traum, wenn das deutsche Volk sagte: ‚Wir haben Rechtschreibreform, und keiner schreibt mit.‘“
3. August 1998 Christian Meier, Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung: „Alle, die nicht dazu gezwungen sind, die Reform umzusetzen, sollten bei den alten Regeln bleiben.“
28. August 1998 faßt Prof. Theodor Ickler, Erlanger Sprachwissenschaftler, im Ge­neral-Anzeiger zusammen: „In Wirklichkeit ist es aber so: Ein winziger Freundesk­reis von Reformwilligen hat es fertiggebracht, den Kultusministern eine unausge­ g­orene Reform aufzuschwatzen, die sie [die Reformwilligen] selbst schon längst am liebsten zurücknehmen würden, und nun beharren die Kultusminister in kindischem Trotz darauf, gegen einen überwältigenden Mehrheitswillen, gegen das fast ein­stimmige Verdikt der Sprach- und Literaturwissenschaft, gegen jede Vernunft - au­ßer der ökonomischen Vernunft einer Gruppe von Spezialverlagen.“
1998 Theodor Ickler, Erlanger Sprachwissenschaftler, in „Der Staat schreibt vor“: „Welch wohligen Schauer muß es dem unterwerfungssüchtigen deutschen Mitläufer berei­ten, wenn er zum ersten Mal 'dass' schreibt oder 'so genannt' spaltet und sich damit demonstrativ auf die richtige Seite, die Seite der Staatsmacht, schlägt!“

+ Franklin D. Roosevelt: "In der Politik geschieht nichts zufällig. Wenn etwas ge­schieht, kann man sicher sein, daß es auch auf diese Weise geplant war." +

> 27. September 1998: zusammen mit der Bundestagswahl Volksentscheid in SH mit 885 511 Stimmen für das bewährte Schreibregelwerk (54 % für die bewährte RS, 30 % für die Reformschreibung, 16 % für einen dritten Vorschlag). Dennoch wurde die Reform nicht, wie mehr­mals angekündigt, im gesamten deutschen Sprachgebiet eingestellt. Schleswig-Holstein unternahm ei­nen Alleingang mit der Wiedereinführung der bewährten Rechtschreibung im Unterricht.
(Seit dem Tage wurde eine neue Bundesregierung gebildet.)
Ende 1998 führte der neue Bundesinnenminister Otto Schily die Reformschreibung für die Bundesbehörden ein (zwecks Verständlichkeit allerdings nur als Soll-Bestimmung erlaubt).
Juli 1999 stellte der s.-h. Innenminister Ekkehard Wienholtz die Amtssprache um, indem er die Reformschreibung für die s.-h. Landesbehörden einführte.
> 17. September 1999 annullierte der s.-h. Landtag das Gesetz zur Beibehaltung der traditionellen Rechtschreibung an den s.-h. Schulen - ohne Aussprache und durch einfaches Handaufheben. Alle Parteienvertreter stimmten dem zu, auch die des Südschleswigschen Wählerverbandes, also der Vertretung der Dänen, für die die Reform ja gar nicht galt.
Überschrift in der Tageszeitung "taz": "Euer Wille ist uns sch...egal"
Ministerpräsidentin Heide Simonis an die aufgebrachte Menschenmenge: "Warum regen Sie sich so auf? Es geht doch nur um die Schulen!"

+ Netzfund: "Wer glaubt, daß Volksvertreter das Volk vertreten, glaubt auch, daß Zi­tronenfalter Zitronen falten." +

Nach der Landtagswahl in Niedersachsen wollte der neugewählte Ministerpräsident Christian Wulff für sein Land die alte Rechtschreibung wieder einführen. Von der neuen s.-h. CDU-SPD-Koalition kam darauf das schärfste Nein.
2004 begannen die "Nachbesserungen" der Reform durch den (zweiten) Rat für deut­sche Rechtschreibung, zuletzt 2024 vor allem zu den Fremdwörtern; alle waren Rückschritte zum Bewährten.
27. April 2010 jungefreiheit.de: „Im Schneckentempo nähert sich die Schulrecht­schreibung jedenfalls wieder den traditionellen Schreibweisen an. Wer schlau ist, macht diesen Reformzirkus gar nicht erst mit und wartet, bis die Reform endgültig auf der Müllkippe der Sprachgeschichte angekommen ist.“

+ Adolph Freiherr von Knigge (18. Jahrhundert): "Hüte dich, das Spielwerk, die Ma­schine verkappter Bösewichte zu werden!" +
+ Friedrich von Schiller: Was ist Mehrheit? Die Mehrheit ist Unsinn. Verstand ist stets bei wen'gen nur gewesen." +
+ Dschiddu Krischnamurti: "Es ist kein Anzeichen von seelischer Gesundheit, an eine zu­tiefst gestörte Gesellschaft angepaßt zu sein." +
+ Oskar Wilde: "Mit 80 Prozent der Menschheit nicht übereinzustimmen ist ein Zeichen gei­stiger Gesundheit." +

(2. Mai 2026)

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Ludwig Reiners:
Von der Verfassung,
in der sich eine Sprache befindet, hängt es ab, was in ihr gedacht und gesagt wird.“ (in: Stilkunst – Ein Lehrbuch deutscher Prosa, Ersterscheinung 1961)

Zum Tag der Rechtschreibung am 27. September

Manifest der SOK vom Oktober 2024 für die Wiederzulassung der herkömmlichen Schreibungen u. a.

Der Teil „Rechtschreibung“ eines Vortrages vom 8. August 2019